Neue Sternbrücke: Ein Architekt nimmt Stellung

Ein Brief an die Hamburger Parteien und Brückeninteressierte…

Architekt Bernd Kottsieper schreibt Facts, Gedanken und Wünsche zur neuen Sternbrücke. An die Verantwortlichen und an alle, die sich für Hamburg und das Klima engagieren. … wir wünschen uns mehr solche Stellungnahmen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

25 Jahre habe ich sehr erfolgreich in einem international bekannten Architekturbüro in Hamburg gearbeitet und mit Statikbüros wie Schlaich, Bergermann und Partner in Stuttgart ( sbp ) eng kooperiert. Meine besondere Expertise waren Entwurf, Städtebau und Baukonstruktion.

Als ich jetzt das Ergebnis der neuen Sternbrücke sah sind mir vor Entsetzen und Wut die Tränen geflossen. Es ist einfach unfassber  was hier genehmigt wurde. Leider sehe ich hier eine derartige Fehlplanung bezüglich Städtebau, Architektur, Tragwerksplanung und Ökologie, die meines Erachtens an Ignoranz und planerisches Vollversagen grenzt. Ich verstehe als Fachmann voll und ganz das weitgehende Entsetzen der Bürger in den sozialen Medien.                                                                                                                                          

Das Ganze ist wieder ein gutes Beispiel dafür daß Stimmen und Bedenken aus der Bevölkerung nicht berücksichtigt wurden und der Verdacht sich aufdringt, daß hier rein wirtschaftliche Interessen mit mächtigen Lobbyvertretern bedient wurden. Die Politik brauch sich nicht mehr wundern, daß die Wähler sich immer mehr abwenden. Als Grünen- Wähler bin ich deshalb besonders entsetzt daß die Grünen als Partei mit angeblich ökologischer Schwerpunktsetzung dieses auch in ökologischer Hinsicht vernichtend misslungene Projekt nicht verhindert haben. 

Meine Kritik im Einzelnen:

  • Die Brücke wurde vermutlich aus Kostenspargründen in der Planung mit so hohen statischen Sicherheiten gerechnet daß diese überdimensionierten brecherhaften Stahldimensionen dabei herauskamen. Hohe, unnötige Sicherheiten sparen Berechnungskosten .  Die sich daraus ergebenen Materialschlachten sind gigantisch und das Bauwerk wirkt völlig unproportionell. Zudem kostet Stahl scheinbar einfach zu wenig. Und der Verdacht auf nicht nachhaltige Herkunft drängt sich auf. Da eine Tonne Stahl in der Produktion ca. 2 to CO2- Emission verursacht wurden hier völlig unnötig gigantische CO2- Mengen ( ca 9000 to ) in die Luft geblasen. Und gerade kippt unser Weltklima in das Chaotische. Hitze, Brände und Dürren sind die Folge und nehmen gerade apokalyptische Ausmaße weltweit an.
  • Erfahrene, verantwortungsvolle Tragwerksplaner wie sbp rechnen solche Brückenbauwerke vom Stahlverbrauch so runter, daß zudem auch wunderschöne Tragwerke dadurch entstehen. Natürlich im Zusammenhang mit entwurfsstarken Architekten, die es ja auch in Hamburg gibt. Hier scheint mir das nicht gegeben gewesen zu sein. 
  • In Zeiten der kippenden Klimasysteme schreit die Vernumpft nach Sanierung vorhandener Bauwerke. Stichwort Bauwende !!! . Sie wissen daß es Studien gab daß eine Sanierung möglich gewesen wäre mit der alten wunderschönen Sternbrücke. Auch hier gibt es Nachteile, ohne Frage. Doch die Bauwirtschaft und Politik muß endlich verstehen daß die Material- und gigantische Energieverschwendung  bei Neubauten keine Zukunft mehr hat, da gerade der ökologische Supergau droht. Die Grünen hätten vehement darauf hinweisen müssen. Wie schwach muß deren Macht ( oder Unwissen ? ) sein. Traurig.
  • Schon zweimal wurden fast 40°C in Hamburg diesen Sommer erreicht und tausende Menschen sind in Deutschland an Hitze gestorben. Politik und Wirtschaft machen hingegen einfach wie bisher weiter und lassen zudem Bäume ganzer Straßenzüge absägen um ein völlig überdimensioniertes Brückenbauwerk transportieren zu können. Das ist einfach nur beschämend und die Beschwichtigungsversuche aus Politik und Wirtschaft wirken völlig grotesk und unglaubwürdig. Schämen sollten Sie sich ! 
  • Bitte schauen Sie sich das Rendering weiter unten an. Hier wurde doch allerernstes ein vierspurige Straße dargestellt, die an die autogerechte Stadt der 60er Jahre erinnert. Wo ist hier der Gedanke der Verkehrswende, mit der sich auch die Hamburger Grünen so munter brüsten ?
  • Dunkle Asphaltflächen für viel Autoverkehr. Bepflanzung wurde einfach weggelassen. Schon dieses Rendering stärkt meine Vermutung daß hier beginnend in der Planung Ignoranz und Unfähigkeit vorherrschte.
Rendering neue Sternbrücke. Deutsche Bahn ca. 2022

Wissen Sie, ich persönlich ärgere mich daß ich nicht schon früher und somit rechtzeitig mich engagiert habe. Irgendwie habe ich noch einen Restfunken Hoffnung und Vertrauen an verantwortliche Planer gehabt. Die gebaute Realität hat auch diesen Restfunken ersticken lassen.

Bitte lassen Sie als Verantwortliche als Wiedergutmachung wenigstens die Brücke begrünen und so viele Bäume pflanzen, daß dieser Stadtteil wieder lebenswert wird. Und geben Sie den Kulturschaffenden dort vor Ort das zurück was ihnen durch Abriss genommen wurde. Und reduzieren Sie den Autoverkehr auf zwei schmale Spuren und setzen sie breite Fahrradspuren baulich ab. Sorgen Sie dafür daß Hamburg nur noch kleine Elektroautos zulässt und daß Fahrräder wie in Kopenhagen Verkehrsmittel Nummer 1 wird.

An der Sternbrücke wurden Menschen viel weggenommen zugunsten des übermotorisierten Verkehrs ( z.B. immer größere und schwerere SUV´s )

Werden Sie endlich wach und gestalten eine menschengerechte Stadt.

Lassen Sie zu, daß Graffittikünstler Farbenpracht entstehen  lassen auf diese neuen grauen, furchtbar häßlichen Brücke. Diese Farbenpracht gehört mehr zu Hamburg als Beton, Asphalt, Autos, Vernichten von Kulturstätten und Wegsägen von uralten Bäumen.

Geben Sie den Bürgern wieder ihre Stadt zurück. Das schulden Sie den Menschen !

Dann werden Sie auch ihre Wähler wiedergewinnen. Da bin ich mir absolut sicher !

Vielen Dank und viele Grüße,

Bernd Kottsieper

Zusatz zum Besseren Verständnis der Bauweise und Baukosten und der Klimafolgen:

Grundsätzlich sind die Planungskosten höher, wenn ein Tragwerk auf einen minimalen Materialverbrauch „runtergerechnet“ wird. Da kann ein Statiker weniger auf Standartlösungen zurückgreifen. Dabei müssen auch alle gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheiten selbstverständlich berücksichtigt werden. Das viel geringere Eigengewicht wirkt sich zudem günstig auf die Dauerhaftigkeit aus ( Z.B. Brückenlager ).
Dies ist aufwändig und kostet mehr.
Bei überdimensionierten Bauteilen ist der Berechnungsaufwand wesentlich günstiger. Dabei wird in Kauf genommen daß unnötig viel Material, hier Stahl, verwendet wird. In Zeiten von knappen Ressourcen, Klimawandel und überhaupt bezüglich Nachhaltigkeit ein absolutes Unding, aber leider gängige Baupraxis.
Da wollte vermutlich Stadt und Bahn in der Planung Geld mal wieder Geld sparen. Das kenne ich zu Genüge aus meiner vergangenen Berufstätigkeit.
Die von Ihnen gezeigte Alternative zeigt sehr gut eine schlankere Lösung.

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