Warum es ein Fehler wäre, eine städtebauliche Fehlplanung auch noch künstlerisch hervorzuheben
Die Idee klingt zunächst sympathisch: Die neue Sternbrücke ist da, sie ist gewaltig, sie verändert einen ganzen Stadtraum – also könnte Kunst helfen, sie freundlicher, lebendiger oder vielleicht sogar identitätsstiftend erscheinen zu lassen.
Doch genau darin liegt ein grundlegender Denkfehler.
Die neue Sternbrücke leidet nicht unter einem Mangel an Gestaltung. Sie leidet unter einem Übermaß an Größe, Masse und Präsenz. Mit 108 Metern Länge, 21 Metern Breite und rund 3.700 Tonnen Stahl ist hier ein Bauwerk entstanden, das den Maßstab seiner Umgebung radikal verändert. Wer nun darüber nachdenkt, diese Konstruktion zusätzlich mit Street Art, Graffiti, großflächiger Farbe oder anderen künstlerischen Mitteln hervorzuheben, versucht nicht, ein städtebauliches Problem zu lösen.
Bunte Gestaltung macht ein städtebauliches Problem sichtbarer.
Die alte Sternbrücke konnte etwas, was die neue nicht kann
Wie groß der Unterschied ist, zeigt der Blick auf ihre Vorgängerin. Die alte Sternbrücke war ebenfalls ein technisches Bauwerk. Aber sie hatte über Jahrzehnte eine Selbstverständlichkeit im Stadtbild entwickelt. Ihre Konstruktion blieb in der Maßstäblichkeit des Ortes lesbar. Häuser, Straßenraum, Brücke und das Leben darunter bildeten trotz aller Härten dieses Verkehrsknotens ein urbanes Ganzes.
Die alte Sternbrücke war nicht nur ein vertrauter Bestandteil dieses Stadtbildes. Sie stand als Kulturdenkmal unter Denkmalschutz und war ein Zeugnis der Hamburger Ingenieur- und Baugeschichte. Gerade ihre Einbindung in die gewachsene Stadt war eine ihrer Qualitäten.
Diese Brücke musste nicht durch Kunst zu einem besonderen Ort gemacht werden. Der Ort war besonders.
Die neue Konstruktion kehrt dieses Verhältnis um. Nicht mehr die Stadt gibt der Brücke ihren Kontext, sondern die Brücke bestimmt mit ihrer schieren Dimension den Kontext der Stadt.
Diesen Verlust nun ausgerechnet durch eine besonders auffällige Oberflächengestaltung kompensieren zu wollen, wäre die Fortsetzung desselben Fehlers mit anderen Mitteln.
Ein überdimensioniertes Bauwerk wird durch Farbe nicht kleiner
Architektur wird nicht allein über ihre tatsächlichen Abmessungen wahrgenommen. Kontrast, Farbe, grafische Gliederung und Materialität entscheiden wesentlich darüber, wie dominant ein Baukörper erscheint.
Eine große, ruhige Fläche kann optisch zurücktreten. Eine große, kontrastreiche oder farbig gestaltete Fläche tut das Gegenteil. Sie wird lesbarer. Ihre Konturen werden deutlicher. Ihre Dimensionen werden stärker wahrgenommen. Genau deshalb wäre eine großflächige Gestaltung der Sternbrücke städtebaulich kontraproduktiv.
Aus einer überdimensionierten Brücke würde ein überdimensionales Bild.
Die Konstruktion bekäme noch mehr Fernwirkung, noch stärkere Konturen und noch größere visuelle Präsenz. Man würde also genau das hervorheben, was man eigentlich abmildern müsste.
Erst die Fehlplanung – und dann Geld für ihre optische Reparatur?
Hinzu kommt eine Frage, die bislang erstaunlich wenig gestellt wird: Was soll eine solche Gestaltung eigentlich kosten – und wer soll sie bezahlen?
Nach einem Infrastrukturprojekt dieser Größenordnung wäre es schwer vermittelbar, nun zusätzliche öffentliche oder projektbezogene Mittel dafür aufzuwenden, die Folgen der eigenen Planung ästhetisch erträglicher erscheinen zu lassen.
Geld für Kunst im öffentlichen Raum ist grundsätzlich gut investiertes Geld. Aber Kunst sollte Stadt bereichern und nicht als nachträgliche kosmetische Behandlung einer problematischen Planung dienen. Wenn erhebliche Mittel zur Verfügung stehen, sollte deshalb zuerst gefragt werden, wo sie den größten Nutzen für das Quartier entfalten. Bei den Menschen? Bei öffentlichen Räumen? Bei neuen Bäumen und Grünflächen? Bei Kultur? Bei der Verbesserung des Mikroklimas? Oder auf Tausenden Quadratmetern Stahl, damit ein ohnehin dominantes Bauwerk noch auffälliger wird?
Eine Fehlplanung wird nicht dadurch besser, dass man Geld dafür ausgibt, sie spektakulärer aussehen zu lassen.
86 gefällte Bäume sind keine gestalterische Fußnote
Besonders widersprüchlich wird die Debatte vor dem Hintergrund der ökologischen Folgen des Projekts.
Für das Bauvorhaben und die aufwendige Logistik des Brückentransports wurden im Umfeld insgesamt 86 Bäume gefällt. Ein erheblicher Teil der Eingriffe war erforderlich, um den Transport dieses außergewöhnlich großen Baukörpers durch die Max-Brauer-Allee überhaupt zu ermöglichen. Das ist keine Nebensächlichkeit.
Stadtbäume sind in einer sich aufheizenden Großstadt keine Dekoration. Sie spenden Schatten, verdunsten Wasser, binden CO₂, filtern Schadstoffe, bieten Lebensraum und reduzieren die sommerliche Aufheizung von Straßen und Gebäuden. Ihre Bedeutung wird mit fortschreitendem Klimawandel größer, nicht kleiner.
Gleichzeitig wurde für die Sternbrücke eine Konstruktion aus Tausenden Tonnen Stahl hergestellt, mit entsprechend hohem Material-, Energie- und Ressourcenaufwand. Ihre Dimensionen machten eine außergewöhnlich aufwendige Baustellen- und Transportlogistik erforderlich. Man muss deshalb nicht einmal grundsätzlich gegen den Neubau von Infrastruktur sein, um einen offensichtlichen Widerspruch zu erkennen:
Wir wissen längst, dass Städte grüner, klimaresilienter und ressourcenschonender werden müssen – und errichten dennoch Bauwerke von enormem Materialeinsatz, für deren Realisierung gewachsene Stadtbäume weichen müssen. Umso absurder wäre es, anschließend ausgerechnet Geld und gestalterische Energie darauf zu verwenden, dieses Bauwerk noch stärker im Stadtbild hervorzuheben.
Die ökologische Reparatur wäre die sinnvollere Gestaltung
Wenn nach Abschluss der Bauarbeiten zusätzliche Mittel verfügbar sind, liegt eine andere Priorität geradezu auf der Hand. Dann sollte möglichst viel davon in die ökologische und stadträumliche Reparatur des Ortes fließen.
Neue Bäume. Großzügige Pflanzflächen. Entsiegelung. Verschattung. Regenwassermanagement. Grüne Aufenthaltsräume. Eine bessere Gestaltung für Fußgänger und Radfahrer. Und vor allem ausreichend große und langfristig gesicherte Standorte, an denen neue Bäume tatsächlich alt werden können.
Statt die Folgen eines ressourcenintensiven Großprojekts mit Farbe zu überziehen, könnte man wenigstens versuchen, einen Teil seiner ökologischen Folgen auszugleichen.
Es wäre schwer verständlich, wenn für die visuelle Inszenierung von 3.700 Tonnen Stahl Geld vorhanden wäre, während gleichzeitig um jeden Quadratmeter Grün und jeden neu zu pflanzenden Baum gerungen werden müsste.
Die Ressourcen gehören ins Umfeld – nicht auf die Brücke
Dabei geht es um weit mehr als um ökologische Ausgleichsmaßnahmen. Der Neubau der Sternbrücke hat einen ganzen Stadtraum verändert. Deshalb sollte sich auch die gestalterische Aufmerksamkeit nicht auf das Bauwerk selbst konzentrieren, sondern auf den Raum, den es hinterlässt.
Wenn öffentliche Mittel, Planungskapazitäten und kreative Ressourcen zur Verfügung stehen, dann sollten sie dort eingesetzt werden, wo sie den Menschen tatsächlich zugutekommen: unter der Brücke, auf den angrenzenden Flächen, an den Straßenrändern und überall dort, wo durch Abriss, Baumfällungen und Baustelle Aufenthaltsqualität verloren gegangen ist.
Es braucht einen Stadtraum, in dem man sich wieder gerne aufhält. Dazu gehören Grün und neue Bäume ebenso wie gute Beleuchtung, Sitzmöglichkeiten, sichere und angenehme Wege, Flächen für Kultur, Gastronomie und nachbarschaftliche Nutzungen. Auch Kunst kann dabei eine wichtige Rolle spielen – aber als Bestandteil eines lebendigen öffentlichen Raumes und nicht als Dekoration des größten Bauwerks darin.
Gerade nach einem derart massiven Eingriff müsste die entscheidende Frage lauten: Wie viel Stadt können wir diesem Ort zurückgeben? Jeder Euro, jede planerische Stunde und jede kreative Idee, die jetzt in eine spektakuläre Inszenierung der Brücke fließen würde, fehlt möglicherweise bei dieser viel wichtigeren Aufgabe.
Das wäre die eigentliche Chance: nicht aus der neuen Sternbrücke ein Wahrzeichen zu machen, sondern aus ihrem Umfeld wieder einen lebenswerten Ort. Die Qualität dieses Ortes wird sich am Ende nicht daran entscheiden, wie spektakulär 3.700 Tonnen Stahl aussehen. Sie wird sich daran entscheiden, wie gerne Menschen dort wieder leben, arbeiten, ausgehen, sich treffen und aufhalten.
Die eigentliche Absurdität unserer Zeit
Darin steckt letztlich ein größerer Widerspruch: Seit Jahrzehnten wissen wir, dass der Klimawandel einen fundamental anderen Umgang mit Ressourcen, Boden, Stadtgrün und Bauwerken verlangt. Trotzdem gelingt es uns immer wieder, Infrastruktur nach einer Logik zu planen, in der Größe, technische Machbarkeit und Verkehrsfunktion gegenüber Ressourcenschonung und gewachsenen Stadtstrukturen dominieren. Man kann das als mangelnde Lernfähigkeit bezeichnen.
Geradezu grotesk wird es aber, wenn wir anschließend nicht einmal versuchen, die visuelle Dominanz solcher Bauwerke zu reduzieren. Stattdessen überlegen wir, wie wir sie noch sichtbarer, bunter und spektakulärer machen können. Wir schaffen mit enormem Ressourcenaufwand eine gigantische Konstruktion, beseitigen für ihre Realisierung Stadtgrün – und diskutieren anschließend darüber, wie wir genau diese Konstruktion zum neuen visuellen Wahrzeichen machen können.
Die Bemalung der neuen Sternbrücke ist keine Antwort auf die Fehler der Vergangenheit. Es ist ihre ästhetische Überhöhung.
Street Art ist keine Tarnfarbe für Infrastruktur
Diese Kritik richtet sich ausdrücklich nicht gegen Graffiti oder Street Art. Im Gegenteil. Gerade in Altona, St. Pauli und der Schanze gehören informelle Kunst, Graffiti, Plakate, Musik und kulturelle Aneignung zur Identität des Stadtraums. Aber genau deshalb sollte man vorsichtig sein, diese Ästhetik als Reparaturinstrument für ein staatliches Infrastrukturprojekt einzusetzen.
Street Art lebt von Aneignung, Spontaneität, Überlagerung und Widerspruch. Wird dagegen eine mehrere tausend Tonnen schwere neue Eisenbahnbrücke offiziell von Street Artists gestaltet, entsteht eine eigentümliche Verkehrung: Dann eignet sich nicht die Stadt die Infrastruktur an. Dann eignet sich die Infrastruktur die Ästhetik der Stadt an. Aus Subkultur wird Oberflächendesign. Aus Aneignung wird Auftragsarbeit.
Und aus der kulturellen Sprache eines Quartiers wird im schlechtesten Fall das Branding eines Bauwerks, das dieses Quartier zuvor massiv verändert hat.
Kunst darf kein Ablenkungsmanöver sein
Eine hervorragend kuratierte künstlerische Gestaltung würde an den grundlegenden Eigenschaften der neuen Sternbrücke nichts ändern. Sie würde sie weder kleiner noch leichter machen. Sie würde keinen gefällten Baum zurückbringen. Sie würde die verlorene historische Brücke nicht zurückbringen. Sie würde den Ressourcenverbrauch des Neubaus nicht reduzieren. Und sie würde dem Quartier seine frühere Maßstäblichkeit nicht zurückgeben.
Deshalb müsste die Frage genau andersherum gestellt werden. Nicht: Wie können wir die neue Sternbrücke attraktiver gestalten? Sondern: Wie können wir verhindern, dass dieses Bauwerk den Stadtraum noch stärker dominiert – und wie können wir einen möglichst großen Teil der entstandenen städtebaulichen und ökologischen Schäden kompensieren?
Die Antwort auf ein monumentales Bauwerk ist nicht monumentale Kunst. Sie lautet gestalterische Zurückhaltung.
Wenn Kunst, dann für den Ort – nicht für den Koloss
Natürlich soll es rund um die Sternbrücke Kunst geben. Aber sie sollte den Menschen und dem Quartier dienen, nicht der Selbstdarstellung des Bauwerks.
Sie kann unter der Brücke stattfinden, auf kleineren Flächen, temporär und wechselnd. Sie kann an die verschwundenen Orte erinnern. Sie kann neue Kultur ermöglichen. Sie kann die Geschichte der alten Sternbrücke erzählen oder Räume schaffen, die sich Menschen tatsächlich aneignen können.
Vor allem aber sollte sie nicht dazu dienen, ausgerechnet das größte und dominanteste Objekt des Ortes noch größer erscheinen zu lassen.
Die neue Sternbrücke braucht kein Branding. Sie braucht keine visuelle Aufrüstung. Und sie braucht erst recht keine teure ästhetische Rechtfertigung.
Man muss einen Fehler nicht auch noch anmalen
Die alte Sternbrücke war ein Teil der Stadt. Die neue Sternbrücke ist zunächst ein massiver Eingriff in diese Stadt. Ob es gelingt, um sie herum wieder einen lebendigen, grünen und menschlichen Stadtraum entstehen zu lassen, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Genau darauf sollten Geld, Kreativität und politische Aufmerksamkeit verwendet werden.
Auf Bäume statt auf Bemalung. Auf Grün statt auf Inszenierung. Auf Kulturflächen statt auf Landmarken-Marketing. Auf einen Stadtraum, der trotz der neuen Brücke wieder funktionieren kann.
Die Aufgabe verantwortungsvoller Stadtgestaltung besteht jetzt nicht darin, den neuen Koloss zum Wahrzeichen zu erklären. Sie besteht darin, seine Auswirkungen so weit wie möglich zu begrenzen.
Die Sternbrücke ist bereits groß genug. Der größte gestalterische Fehler wäre, sie jetzt auch noch größer aussehen zu lassen.
